„Bedroht an vielen Fronten"
Sicherheitspolitik ist seit Anfang 2022 so plötzlich in aller Munde, wie es zwei Jahre zuvor der Gesundheitsschutz war. Viele Risiken, für Experten lange bekannt, verlassen nun die akademische Nische und streben mit Macht auf die politische Agenda. Da so viel sich aufgestaut hat, tut ein Überblick not.
Wo die Herausforderungen, Sicherheitsrisiken für ein Land oder ein Bündnis von Ländern hauptsächlich liegen, ist nicht immer einfach zu sagen. Oft nicht einmal im Nachhinein. Der Althistoriker Alexander Demandt hat sich einmal das Vergnügen gemacht, all die verschiedenen Theorien, die ihm zum Fall Roms unterkamen, in einem Buch zu konzentrieren. Mit dem – erwartbaren – Ergebnis, dass die vielen Erklärungen: Barbareneinfälle, Bürgerkriege, Dekadenz, Christianisierung, fehlender Fortschritt in der Landwirtschaft etc. je nach Epoche und damit Perspektive der Betrachter wechselten. Demandt selbst betonte 2015/16 den Faktor unkontrollierter Migration. Derzeit sind Seuchen und Klimaveränderung als Gründe für den Niedergang Roms sehr im Trend.
Vielleicht lag die Ursache auch schlicht in der Überforderung durch viele ernsthafte Krisen zur gleichen Zeit. So gesehen konnte einem durchaus angst und bange werden beim Vortrag der Politologin Dr. Antje Nötzold, Privatdozentin an der TU Chemnitz. Nötzold, Expertin für Sicherheitspolitik, zugleich Associate Fellow am CASSIS in Bonn, sprach über die Herausforderungen deutscher Außenpolitik der Gegenwart. Mit denen beschoss sie das Publikum gleichsam wie aus einem Maschinengewehr, denn bei der hohen Frequenz hatte man durchaus Mühe zu folgen. Nötzold feuerte drei Salven; sortiert nach dem bekannten Rumsfeld-Zitat, wonach es neben Dingen, die man weiß, auch solche gibt, von denen man weiß, dass man sie nicht weiß, und, am ärgsten, solche, von denen man nicht einmal das weiß, die man also gar nicht kennt.
Schon die Liste der „known knowns" war erschreckend lang; bekannte Risiken, die schon in fünf oder zehn Jahren virulent werden könnten. Faktoren wie der Systemkonflikt zwischen China und Amerika darunter, die Verbreitung von Nuklearwaffen, die bedrohte Energieversorgungssicherheit, die weitgehend ungeschützte kritische Infrastruktur, auch jene auf dem Meeresboden, ebenso wie Anfälligkeiten in Lieferketten und beim Rohstoffnachschub. Dies als Beispiele; die Liste war erheblich länger; jeder Punkt ausreichend, um ein Seminar damit zu bestreiten, und potentiell erhebliche politische Kräfte zu binden, um sich auf das Risiko einzustellen und vorzubereiten, dann nämlich, wenn man das ernsthaft will.
Bekannte Unbekannte waren es kaum weniger. Risiken, von denen man weiß, dass sie bestehen, deren Eintrittswahrscheinlichkeit und Folgen aber schwerer abzuschätzen sind. Die mögliche Abnahme des US-Engagements in Europa, Folge des Schwenks nach Asien, die wachsende Instabilität der US-Demokratie selbst; die (In-)Stabilität im Nahen Osten, rund um das iranische Nuklearprogramm und den möglichen Rüstungswettlauf; Hungersnöte und Klimaflucht; der Einfluss staatlich nicht kontrollierter, globaler Tech-Konzerne; das chinesische Streben nach Technologieführerschaft und die nachlassende Attraktivität des westlichen Demokratiemodells. Wiederum wären weitere Punkte zu nennen. Von unbekannten Unbekannten, „schwarzen Schwänen" nicht zu reden, wie einst der Weltfinanzkrise. Die kommen noch obendrauf.
Wie nun mit den vielen Herausforderungen umgehen? Nötzold analysierte die Reaktionen der verschiedenen politischen Ebenen. Die deutsche „Zeitenwende" in der Sicherheitspolitik? Eindrucksvoll im rhetorischen Paradigmenwechsel, noch unzureichend in der Substanz; die geplanten 100 Milliarden-Extra-Investition genügten gerade einmal zur Beseitigung der ärgsten Ausrüstungsmängel. Die EU-Sicherheitsstrategie? Erstaunlich weitblickend, aber zunächst bloßes Papier, da Sicherheitspolitik Kompetenz der Mitgliedstaaten bleibt. Die Neuausrichtung der NATO? Klar in der Benennung Russlands als Bedrohung, mit den militärischen Außenposten über Schwarzes Meer, östliches Mittelmeer bis hinunter in die Sahelzone. Konkret im „new force model" mit festgelegten Bereitstellungszeiten und Truppenzahlen direkt unter NATO-Befehl, von 40.000 Mann in drei Tagen bis 500.000 Mann in sechs Monaten. Aber eben – noch Zukunft.
Wie weit das trägt? Demandt würde vermutlich nachweisen können, dass Kaiser Valens und Kaiser Honorius sich einst ähnliche Fragen stellten. Die lebhafte Diskussion zu Nötzolds Vortrag zeigte die Vielfalt der Bedrohungen, aber auch die politische Chance, welche die aktuelle Krisendynamik bietet. Viele Schätze aus dem diplomatischen Poesiealbum seien wertlos geworden; die Zeit der Floskeln vorüber, die Zeit der Taten angebrochen. Europa, wenn es in der Welt von Morgen selbstbestimmt fortbestehen will, müsse seine Sicherheit in die eigenen Hände nehmen – global gedacht, in allen Dimensionen und mit der nötigen Ausdauer. Ergebnis, ehrlicherweise: offen.